Sylt zu Fuß: Die Insel bewusster erleben
Genau darum lohnt es sich, die Insel zu Fuß zu erkunden. Sylt ist rund 38 Kilometer lang und an der breitesten Stelle etwa 12,6 Kilometer breit; einmal ringsherum sind es gut 100 Kilometer. Auf dieser überschaubaren Fläche liegen Steilküste, Heide, Dünen, Salzwiesen und Watt so dicht beieinander, dass man sie an einem Wochenende alle erlebt, wenn man sich Zeit nimmt.
Und man braucht dafür weder Rundtouren noch Basislager. Du fährst zum Startpunkt, gehst deine Etappe, fährst weiter zur nächsten. Die schönsten Wege verteilen sich über die ganze Insellänge.
Der Ellenbogen
Wenn du in List von der Fähre fährst, liegt die erste Wanderung praktisch vor der Tür. Der Ellenbogen ist eine Landzunge, die sich wie ein Haken in die Nordsee legt: auf der einen Seite die offene See, auf der anderen das Wattenmeer, dazwischen Schafe, Strandhafer und zwei Leuchttürme.
Die kleine Runde schaffst du in rund sechs Kilometern, die große Variante ab List bringt dich auf etwa zwölf. Geh früh oder spät am Morgen liegt hier eine Stille, die es sonst nirgends auf der Insel gibt. Von der Spitze aus siehst du bei klarer Sicht hinüber nach Rømø, genau dorthin, wo du losgefahren bist.
Braderuper Heide und Uwe-Düne
Ein Stück weiter südlich, zwischen Kampen und Wenningstedt-Braderup, liegt die Braderuper Heide: ein rund 137 Hektar großes Naturschutzgebiet an der Ostküste. Das Gebiet reicht von der Dünenlandschaft mit dem bis zu 15 Meter hohen Weißen Kliff bis zu den Salzwiesen am Watt. Im August und September, wenn Besenheide und Glockenheide blühen, legt sich ein violetter Ton über die Landschaft.
Ein paar Kilometer weiter westlich wartet die Uwe-Düne, mit 52,5 Metern die höchste natürliche Erhebung Sylts. Über hundert Holzstufen führen zur Aussichtsplattform, oben gibt es ein fest installiertes Fernglas. Bemerkenswert: Im Umkreis von etwa 40 Kilometern wird die Düne von keiner natürlichen Erhebung überragt — der nächsthöhere Punkt ist der 62 Meter hohe Vongshøj in Dänemark.
Die lange Strandetappe: Von Westerland nach Hörnum
Immer am Wasser entlang, rund 17,7 Kilometer, etwa dreieinhalb Stunden und ist an einem Tag gut machbar.
Was diese Wanderung besonders macht, ist die Weite. Der Sylter Weststrand zieht sich über rund 40 Kilometer und zählt zu den längsten durchgängigen Sandstränden Deutschlands. Du gehst stundenlang zwischen Dünenkante und Brandung, oft ohne einen einzigen Menschen in Sichtweite.
Die Innenseite: Sylt am Wattenmeer
Während an der Westküste die Brandung arbeitet, liegt im Osten das Wattenmeer — UNESCO-Weltnaturerbe, still und voller Leben. Diese Seite der Insel ist deutlich weniger besucht.
Keitum ist die Kulturseite des Ostens. Ein Schild am Dorfeingang bringt es auf den Punkt: Keitum ist zu Fuß am schönsten. Kopfsteingassen, reetgedeckte Kapitänshäuser, Lindenalleen, dazwischen der Blick aufs Watt.
Das Rantumbecken ist der Ort für Vogelbeobachtung — und hat eine Geschichte, die man ihm nicht ansieht. Die rund 570 Hektar große Wasserfläche wurde 1936/37 im Auftrag der Wehrmacht eingedeicht, sie sollte als Fliegerhorst für Wasserflugzeuge dienen. Dazu kam es nie. Heute gilt das Becken als artenreichstes Seevogelschutzgebiet der deutschen Küste; über 30 See- und Wasservogelarten brüten hier, und während des Vogelzugs rasten riesige Schwärme.
Der Deichrundweg misst rund neun Kilometer und ist flach. Betreut wird das Gebiet vom Verein Jordsand, der auch Führungen anbietet — sie dauern anderthalb bis zwei Stunden. Nimm ein Fernglas mit.
Morsum-Kliff: Zehn Millionen Jahre nebeneinander
Im äußersten Osten der Insel, direkt am Watt, liegt eines der ältesten Naturschutzgebiete Schleswig-Holsteins. Seit 1923 geschützt und seit 2006 als Nationaler Geotop ausgezeichnet.
Das Besondere am Morsum-Kliff ist nicht nur das Alter der Schichten, sondern ihre Anordnung. Die Gletscher der Saaleeiszeit haben die Erdschichten vor rund 150.000 Jahren so stark zusammengepresst, dass sie schräg gestellt und aufgefächert wurden. Deshalb liegen dunkler Glimmerton, roter Limonitsand, weißer Kaolinsand und braungelber Geschiebelehm heute nebeneinander statt übereinander. Die ältesten sichtbaren Schichten sind rund zehn Millionen Jahre alt.
Der Rundweg misst etwa 3,5 Kilometer und führt über Bohlenwege und Sandpfade zu mehreren Aussichtsplattformen. Bleib auf den Wegen, das ist hier keine Formalie. Das Kliff ist stark erosionsgefährdet.
Der Süden: Wattuferweg und Hörnum Odde
Der Wattuferweg von Hörnum nach Rantum führt vom Hafen an den Kaianlagen entlang, am Golfplatz Budersand vorbei zur Hörnumer Nehrung. Marschwiesen, Sanddünen, Wasser.
Die Umrundung der Hörnum Odde ist die bekannteste Wanderung der Insel: rund fünf Kilometer, etwa zwei Stunden, ab dem Hörnumer Hafen einmal am Strand um die Südspitze mit Blick auf Amrum und Föhr. Für diese Runde brauchte man vor einigen Jahren noch zweieinhalb Stunden, heute schafft man den Strandweg in knapp einer. Der Orkan Xaver im Dezember 2013 allein hat die Insel hier etwa 40 Meter schmaler gemacht.
Die ganze Insel am Stück
Sylt lässt sich der Länge nach durchqueren: rund 34 Kilometer von List nach Hörnum, sinnvoll in zwei bis drei Etappen. Der SVG-Busverkehr verbinder alle Orte.
Was du mitnehmen solltest
Windfeste Jacke, immer. Für Strandetappen Schuhe, die Sand vertragen. Sonnenschutz auch bei Bewölkung, Wasser für unterwegs. Mit Hund gilt in Naturschutzgebieten und während der Brutzeit Leinenpflicht.
So kommst du her
Am entspanntesten geht das mit der FRS Syltfähre von Havneby nach List. Und du kommst genau richtig an: Der erste Wanderweg beginnt praktisch am Anleger.